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Angelika Wienert

Angelika Wienert

Haiku, die Bashô, Buson, Issa, Shiki und andere berühmte Haiku-Dichter verfassten, werden oft als gute Beispiele für dieses Genre erwähnt. Es ist allgemein verbreitet, dass es unterschiedliche Meinungen über die Qualität der Haiku-Übersetzungen gibt. Manche bevorzugen Haiku dieses Meisters, andere die eines anderen. Aber meist besteht über eines ein Konsens: in der Haiku-Literatur findet sich ein Bezug zum Zen.

Als ich erstmals Issas Haiku las (Übersetzungen aus der japanischen in die deutsche Sprache), war ich sehr erstaunt und ein wenig verwirrt. Ich fühlte, dass da eine Nähe zum Shin-Buddhismus gegeben war. Nein, es war mehr! Issas religiöse Wurzeln lagen augenscheinlich im Shin-Buddhismus. Ich fragte mich, was wohl in der Literatur über Issas religiösen Hintergrund zu finden sei.

In ihrem bekannten Aufsatz über Haibun (Was ist ein Haibun?, 1998), geht Dr. Lydia Brüll auf Issas religiösen Standort ein. Sie erklärt, dass Issa ein Anhänger des Amida-Buddhismus (Buddhismus des Reinen Landes) gewesen sei. Der Buddhismus des Reinen Landes ist in Japan weit verbreitet (hat mehr Anhänger als der Zen-Buddhismus). Der Begründer war Shinran Shonin (1173 – 1262). Im Mittelpunkt der Spiritualität finden wir Amida Butsu (japanischer Ausdruck für Buddha Amitâbha, der Buddha des unendlichen Lichts und Lebens). Das Wesentliche des Shin-Buddhismus ist der Glaube, das Vertrauen auf Amida Butsu, der versprach, alle lebenden Wesen, die auf ihn vertrauen, zu retten. Im Gegensatz dazu, versucht der Zen-Buddhist die Erleuchtung (satori) durch die Hilfe von Meditation und Koans anzustreben. Der Shin-Buddhist hat nur einen Gedanken: er vermeidet es, sich auf die eigene Kraft (jiriki) zu verlassen; er vertraut völlig auf die Andere Kraft (tariki). Shin-Glaube ist, dass nur die Andere Kraft, nur das Versprechen Amida Butsus Rettung bringen kann. Shin-Buddhisten rezitieren das Nembutsu (Namu Amida Butsu – Ehre, Amida Butsu!, Zuflucht in Amida Butsu) mit Hingabe. Das vertrauensvoll gesprochene Nembutsu wird retten, wird zur Wiedergeburt im Westlichen Paradies (sukhâvati) verhelfen, das als Vorstufe zum Nirvana anzusehen ist.

Unter Issas Haiku finden wir vielfältige Bezüge zu dieser Richtung des Buddhismus.

Ein Segenszeichen:
der Schnee auf der Bettdecke
aus dem Reinen Land
(Issa; in: Rudolf Thiem, Haiku-Anfänge und –Entwicklungen in Japan)

Anmerkung: Dieses Haiku wird, wie ich von Prof. David G.Lanoue erfuhr, Issa zugesprochen, obwohl es nicht in den handschriftlichen Manuskripten Issas enthalten ist.

Our simple honest servant: every day
From next door, too, he sweeps the snow away.
(Issa,; in: Stewart, H.: Jodo Shu and Shin Buddhism)

Unser einfacher, ehrlicher Diener: täglich
Schaufelt er auch Schnee vor dem Nachbarhaus.
(Übersetzungsversuch, Angelika Wienert)

Shin-Buddhismus ist ein buddhistischer Weg der einfachen Methoden (siehe vorher: Nembutsu) für einfache (und ehrliche) Menschen – echter Glaube, echtes Vertrauen können nur wahrhaftig sein.

In seinem Aufsatz Jodo Shin Shu and Shin Shu betont Harold Stewart die Wichtigkeit des Buddhismus des Reinen Landes für Issa.

A butterfly on the gilded lotus-flower
Hears of Rebirth through Amitabha's Power.
(Issa; siehe vorher)

Ein Falter auf der goldenen Lotus-Blume
hört von Wiedergeburt durch Amidas Kraft.
(Übersetzungsversuch, Angelika Wienert)

Dies geschieht in einem Shin-Tempel. Die Gläubigen rezitieren das Nembutsu (Namu Amida Butsu). Der Falter setzt sich auf die goldene Lotus-Blume, hört über Amidas Versprechen, die Andere Kraft.

D.T.Suzuki, der große Lehrer des Zen, war auch ein Experte in Bezug auf den Shin-Buddhismus. In seinem Buch Der Buddha der Liebe geht er meisterlich auf diese Richtung des Buddhismus ein und lässt natürlich auch den Haiku-Dichter Issa nicht unerwähnt.

Wenn wir über Buddhismus sprechen, sollten wir dessen Vielgestaltigkeit zu Kenntnis nehmen (Zen, Shin, Tibetischer Buddhismus usw.). Issas Haiku zeigen deutlich, dass wir die Wichtigkeit des Shin-Buddhismus für seine poetische Arbeit schätzen sollten.

(Oberhausen, August 2006)


Brüll, Lydia: Was ist ein Haibun? (What is a Haibun?); in: Quarterly Review of the GHS (German Haiku Society), June 1998

Stewart, Harold: Jodo Shin Shu and Shin Shu. (Journal of Shin Buddhism)

Suzuki, Daisetz T.: Der Buddha der Liebe (The Buddha of Love). Freiburg 1997

Thiem, Rudolf: Haiku-Anfänge und –Entwicklungen in Japan. In: Quarterly Review of the GHS (German Haiku Society). February 1995

Issa, der verkannte Haijin

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